Dienstag, 31. Mai 2016

Rezension: Brooke Davis "Noch so eine Tatsache über die Welt"


Was haben ein kleines Mädchen, ein alter Mann und eine alte Frau gemeinsam? Sie wissen Bescheid über das Verlassenwerden, das Zurückgelassenwerden, das Alleingelassenwerden. Millie ist sieben Jahre alt und wird von ihrer Mutter im Kaufhaus zurückgelassen. Tasttipper Karl verliert seine Frau und muss ins Altersheim. Nachdem Agathas Mann verstarb, verbarrikadierte sich die alte Frau in ihrem Haus. 


Millie weiß schon über eine Menge Bescheid. Sie führt ein „Buch der toten Dinge“, in dem sie jeden notiert, der stirbt. Ihr Hund Rambo, „Spinne, Vogel, Großmutter, die Nachbarskatze Gertrude“ und letztendlich auch ihr Dad. Am „ersten Tag des Wartens“ bleibt Millie im Kaufhaus bei dem Ständer mit der Damenunterwäsche, da, wo ihre Mutter sie abgesetzt hatte.

Freitag, 27. Mai 2016

Rezension: John Irving "Das Hotel New Hampshire"



Tragik und Komik liegen sehr nah beieinander in John Irvings skurriler Familiengeschichte „Das Hotel New Hampshire“. Die Erzählung wirkt real und dann doch wieder fremd, beinah unwirklich, wie einer der alten Schnulzen-Filme, die das Leben in allen Farben zeichnen. Und dann schlägt man am Ende das Buch zu und denkt: „Wow! Was für eine Geschichte!“

Irvings erzählt in seinem Roman die Geschichte der Familie Berry und öffnet dabei ein Fenster in die 40er/50er Jahre Amerikas. Er lässt das mittlere der Berry-Kinder John berichten, wie er in Diary (Bundesstaat Maine) aufgewachsen ist – zusammen mit seinen Eltern, seinem Großvater Coach Iowa-Bob und seinen Geschwistern: dem schwulen Frank, der hübschen Franny, dem tauben Egg und der zu klein geratenen Lilly.

Dienstag, 17. Mai 2016

Rezension: Jenna Kosig "Totenfreund"

Das letzte Opfer des Serienkillers war die hochschwangere Frau von Kriminalpolizist David Westers. Dann erschoss sein Freund und Kollege den Täter. Jahre später scheint allerdings der Killer von damals von den Toten auferstanden zu sein – oder mordet jemand nach dessen Schema?

„Totenfreund“ heißt Jenna Kosigs Debütroman, ein Thriller, der sich mit dem Thema Serienmord beschäftigt. David Westers ist leitender Ermittler und selbst Betroffener. Seine hochschwangere Frau konnte nicht mehr gerettet werden, fiel einem Serientäter zum Opfer. Doch das ungeborene Kind konnte gerettet werden. Seitdem plagen den alleinerziehenden Polizisten schwere Albträume. Dennoch versucht er, mit der Vergangenheit klar zu kommen und in der Gegenwart Beruf und Privatleben unter einen Hut zu kriegen. Eine neue Mordserie reißt alte Wunden wieder auf, denn perfider Weise gleichen die neuen Taten dem Muster des damaligen Killers. Doch der ist tot, auf der Flucht von Davids Kollegen und Freund Philip Bennett erschossen. Merkwürdig an der neuen Mordserie ist allerdings nicht nur der Käfer – eingerippter Totenfreund –, der bei jedem Opfer auftaucht, sondern auch die Ahnung, dass alles irgendetwas mit David zu tun hat.

Dienstag, 10. Mai 2016

Rezension: Eowyn Ivey „Das Schneemädchen“


Wäre es nicht schön, im tiefen Schnee zu versinken, dem eisigen Wind entgegen zu lachen und geheimnisvollen Stimmen der Natur zu lauschen? Beim Lesen von Eowyn Iveys „Das Schneemädchen“ sah ich wundervolle Winterbilder, fühlte alte Träume wahr werden und bekam die harte Gewissheit ins Gesicht geklatscht, dass ich für Alaska zu schwach bin.

Inspiriert von den Geschichten „Snegurochka“ und „Little Daughter of the Snow“ aus den „Old Peter's Russian Tales“ von Arthur Ransome schrieb Autorin Eowyn Ivey ein ebenso inspirierendes Märchen, das einen Hauch Wirklichkeit mitbringt oder haarscharf daran vorbei fliegt. In ihrem Debütroman „Das Schneemädchen“ holt sich Ivey das Märchen in ihre Heimat Alaska und spinnt eine eigene Geschichte darum, die berührt.

Sonntag, 8. Mai 2016

Lyrik: herzensbuch



herzensbuch

(für michael starcke)

ein ungestümer freund
ist das meer
dem ich nur in meinen
träumen so nah
endlose entfernung
zwischen dem hier
und dem dort
doch die sehnsucht
kennt den weg

und dann dieses buch
über den „alten bekannten“
das meer
letzte worte eines freundes
der nun für immer
am strand der unendlichkeit weilt

als wäre die
ahnung voraus geeilt
nannte ich es
- herzensbuch -
weil es die sprache
meiner seele verstand

die quelle seiner worte -
versiegt und ich
klammere mich fest
an diesen alten bekannten
das meer - das herzensbuch
weil es mehr als letzte worte

trost und erinnerung ist



Das Gedicht entstand gestern und bezieht sich auf den letzten Gedichtband, den der Bochumer Lyriker Michael Starcke im Februar 2016 veröffentlicht hat: "das meer ist ein alter bekannter, der warten kann". Michael Starcke, ein Autorenkollege, ein guter Freund, ist am 19.02.2016 verstorben.


Mich erreichte diese Nachricht erst Wochen später. Zwar hatte ich mich gewundert, warum auf meine letzte E-Mail keine Antwort kam - antwortete er doch sonst immer recht schnell. Doch aufkeimende Gedanken, dass da etwas passiert sei, schoben sich von selbst zur Seite. Als mich eine gemeinsame Autorenkollegin dann zu einer Lesung einlud, in der aus dem Buch des verstorbenen Lyrikers gelesen werden sollte, war ich wie vor den Kopf geschlagen. Das musste ich erst einmal verdauen.

Ich lernte Michael Starcke vor einigen Jahren in der Autorengruppe "Schwarze Lettern" kennen, die sich regelmäßig in Mülheim traf. Mit seinen Gedichten traf er bei mir sofort einen Nerv. Wenn ich seine Worte hörte oder las, fand ich mich oft wieder. Schnell wurde er zu meinem Vorbild. Völlig selbstlos war er für mich wie für viele andere Autoren der Gruppe da, unterstützte, half, gab Mut. Er las meine ersten Veröffentlichungen und seine Meinung dazu war echt. Keine Lobhudelei, sondern echte Auseinandersetzung mit meiner Art zu schreiben. Und wir haben ein paar Lesungen gemeinsam gestaltet. Wunderbare literarische Erfahrungen.

Bildzitat aus "das meer ist ein alter bekannter, der warten kann"

Seine Worte sind versiegt, das ist ein herber Verlust. Sein letzter Gedichtband thematisiert das Meer, das ich so liebe. Er hat das umgesetzt, wovon ich einfach nur träumte, weil mir das Träumen reichte. Sein Buch ist ein Herzensbuch für mich, weil ich darin meine Liebe zum Meer zwischen seinen Zeilen lese. Eine Rezension zum Buch wird folgen. Von innen wie außen ist es ein wahrer Schatz - erschienen übrigens im elif verlag.

Bildzitat aus "das meer ist ein alter bekannter, der warten kann"

Michael Starcke - ich bin dankbar, Dich kennengelernt zu haben. Ruhe in Frieden.

Dienstag, 3. Mai 2016

Rezension: E. L. Greiff "Zwölf Wasser - Nach den Fluten"


Im dritten Band hatte ich einen großen Showdown erwartet und wurde nicht enttäuscht. Überwältigend endet die Trilogie „Zwölf Wasser“ von E. L. Greiff. Der letzte Teil trägt den Untertitel „Nach den Fluten“, was zusätzlich die Erwartung weckte, nicht nur einen alles überragenden Endkampf mitzuerleben, sondern auch zu erfahren, was danach passiert. Und auch diese Erwartung wurde vollends erfüllt.